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Büssing VI GLn
05.03.2008 - 00:00

Büssing VI Gln
  • Vom „Schrotthaufen“ zum Prunkstück
  • Ein Oldtimer wurde wiederbelebt


Sicherlich kennt mancher den Witz, wo ein Kunde mit einem Lenkrad in der Hand in der Werkstatt steht und fragt, ob man den Wagen wieder reparieren kann. So ähnlich muss es dem Team um Hermann-Josef Zensen und Dr.-Ing. Herbert Felz gegangen sein, als am 13. Juli 2001 mit astmathischem Geknatter ein Fahrgestell auf den Hof der Zentralwerkstatt der Rheinbahn AG in Düsseldorf-Heerdt gefahren kam.

Bei diesem Fahrgestell handelte es sich um die Überreste eines Omnibusses vom Typ Büssing VI GLn. Dieses Fahrgestell hatte man erworben mit dem Ziel, darauf wieder einen Omnibus aufzubauen, weil solche Busse früher auch bei der Rheinbahn ihren Dienst versehen haben. Neben dem Fahrgestell hatte man noch eine Zeichnung und ein Foto. Nicht gerade viel, um eine solche Aufgabe zu meistern.



Das Fahrgestell bei der Ankunft.

Zunächst versuchte man herauszufinden woher der Bus kam, dessen Überreste nun hier in der Halle standen. Man fand anhand der Fahrgestellnummer heraus, dass der Bus früher zum Fuhrpark der BVG in Berlin gehörte. Diese hatten ihn nach seiner Ausmusterung in den fünfziger Jahren nicht verschrottet, sondern ihn seines Omnibusaufbaues „beraubt“, einen Kofferaufbau und einen Kran draufgesetzt und ihn als „Hilfsgerätewagen“ zum Eingleisen von Straßenbahnen die „vom Weg abgekommen“ waren, weiterhin eingesetzt. Nach seiner endgültigen Ausmusterung verlor sich seine Spur und dem jetzigen Zustand nach zu urteilen, wurde er bis auf das Fahrgestell ausgeschlachtet.


Ein Büssing VI GLn im Urzustand. So könnte der Bus ausgesehen haben. Es ist aber auch möglich, dass der Bus ein Doppeldecker war, denn auf diesem Fahrgestell wurden auch Doppeldecker aufgebaut.

Der Bus im Einsatz als Hilfsgerätewagen

Weitere Einzelheiten konnte man, trotz größter detektivischer Nachforschungen, nicht herausbekommen. Die Typenbezeichnung basierte auf das Nutzfahrzeugprogramm von Büssing, welches von 1908 – 1924 die Typen II bis VI umfasste. Das „G“ dürfte für Großraumwagen gestanden haben und das „L“ für die Luftbereifung. Das „n“ steht zweifelsfrei für Niederrahmen, eine Fahrgestellform, die speziell für Omnibusse gebaut wurde.


Das Fahrgestell des VI GLn.

Mit der Restaurierung begann man zuerst mit dem Fahrgestell. Zwar machte es äußerlich einen guten Eindruck und wies keine Roststellen oder Beschädigungen auf, aber es musste trotzdem zerlegt werden. Auch mussten die Reste der früheren Zweckentfremdung entfernt werden. Nach dem Zerlegen wurden nun die einzelnen Komponenten generalüberholt. Neben dem Motor, der ebenfalls eine Generalüberholung erhielt, wurden auch die Nebenaggregate dieser Prozedur unterzogen. Nachdem alles überholt und instandgesetzt war, wurde das komplette Chassis wieder zusammengebaut.

Nachdem das Fahrgestell fertig war und bei einer eingehenden Prüfung seine Fahrtauglichkeit unter Beweis gestellt hatte, konnte der Wiederaufbau der Karosserie beginnen. Da man trotz intensiver Suche keine weiteren Unterlagen gefunden hatte, hielt man sich bei der Rekonstruktion der Karosserie an die vorliegende Zeichnung. Sie zeigte eine Karosserie, die allerdings auf einem zweiachser Fahrgestell basierte.


Die Zeichnung die zur Rekonstruktion diente

Der Aufbau der Karosserie erforderte von den Verantwortlichen größtes handwerkliches Geschick und viel Einfallsreichtum. Neben dem Bodengerippe musste ja auch ein tragender Rahmen für die Rekonstruktion des Wagenkörpers gebaut werden. Anschließend wurde dieses Gerippe beblecht.


Das Fahrzeug mit der neuen Beblechung im Rohzustand.

Nachdem die Karosserie fertiggestellt war, ging es an den Innenausbau. Dieser wurde, wie damals üblich, aus Holz gefertigt. Da auch hier keine Zeichnungen oder Pläne vorlagen, war das Fachwissen der Schreiner gefragt. So mussten unter anderem Holzrahmen gebaut und dabei in die erforderliche Form gebogen werden. Ebenso die benötigten Abdeckleisten für die Innenverkleidung.


Der Bus beim Innenausbau.
Interessant die Lage des Benzintanks rechts neben dem Lenkrad. Er kann praktisch nur mit einem Kanister aufgefüllt weren. Es gibt keinen Zulauf von außen.

Zwischendurch kam der Bus in die Lackiererei. Dann ging es mit dem Innenausbau weiter. Trotz eifriger Suche gelang es nicht immer alle benötigten Teile im Original wiederzubeschaffen, so dass bei manchen Ausstattungsdetails ein Kompromiss gefunden werden musste. Glücklicherweise fand man aber noch Original-Scheinwerfer und auch zwei „Pilotstangen“ für die Stoßstange, die dem Fahrer die linke und rechte Kante des Busses anzeigen, und konnte diese dann einbauen.


Die neuen Schweinwerfer mit den „Pilotstangen“. Das Blinklicht ist ein unumgängliches Zugeständnis an die heutige StVZo. Auch die Motorabdeckung musste in Handarbeit neu gefertigt werden.

Da die Restaurierung des Busses immer nur dann durchgeführt werden konnte wenn es der Werkstatt-Alltag zuließ, dauerte es bis zum Mai 2006 bis der Bus komplett fertiggestellt war und der Öffentlichkeit vorgestellt werden konnte. Spätestens jetzt verstummten die letzten Zweifler, die nicht geglaubt hatten, dass aus diesem Haufen „Schrott“ jemals wieder ein fahrtüchtiges Fahrzeug entstehen könne. Wer den Bus sieht kann nur den Hut ziehen vor allen, die an dem Wiederaufbau mitgewirkt haben.

In Zukunft wird dieser Bus für Sonderfahrten und Öffentlichkeits-Auftritte verwendet. Es ist also nicht auszuschließen, dass man diesem Bus hin und wieder auf der Straße begegnet.


Der fertiggestellte Bus

Auch ein schöner Rücken kann entzücken




Auch innen liebevoll restauriert

Der Fahrerplatz. Wer die Dimensionen des Lenkrades sieht, kann sich ungefähr vorstellen welche Kraft und Arbeit nötig ist, um den Bus zu bewegen.

Technische Daten

Typ:Büssing VI Gln
Baujahr:ca. 1929
Motor: Büssing C4 - Ottomotor
6-Zylinder Reihenmotor
Leistung:63 kW (85 PS)
Hubraum:9.340 ccm
Getriebe:Büssing 4-Gang
Länge:10.250 mm
Breite:2.405 mm
Höhe:2.800 mm
Radstand:4.750 mm
Spurweite vorn:1.950 mm
Spurweite hinten:1.770 mm
Sitzplätze:18 + 1


Fotos:
Rheinbahn AG
Omnibusarchiv


admin


gedruckt am 12.11.2019 - 03:54
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