Omnibus-Infos » Neoplan
Neoplan – Typ Hamburg
17.09.2008 - 00:00

Neoplan – Typ Hamburg
  • Ein großer Schritt zum modernen Reisebus
  • Entstanden als Diplomarbeit
  • Als Baukastensystem ausgelegt


Neoplan NH 16 – Typ Hamburg

1953 stellte die Firma Gottlob Auwärter ihren ersten selbsttragenden Omnibus unter dem Namen „Neoplan“ vor. Obwohl er einige technische Neuerungen aufwies, unterschied er sich äußerlich nicht sehr viel von den Modellen, die die Mitbewerber anboten. Rundliche Formen waren seinerzeit vorherrschend. So blieben die Stückzahlen auch in einem überschaubaren Rahmen. Lediglich bei dem Bau von Flughafenvorfeldbussen hatte Auwärter sich einen Namen und einen vorherrschenden Marktanteil gesichert.

Da Gottlob Auwärter für eine gute Ausbildung seiner Söhne eintrat, hatte er seinen Sohn Albrecht auf die Fachhochschule für Karosserie- und Fahrzeugbau nach Hamburg geschickt. Dort traf Albrecht Auwärter den Schweizer Bob Lee, einen Mann, der schon als Kind vom Omnibus fasziniert war. Beide freundeten sich an und das Thema ihrer gemeinsamen Diplomarbeit war die Konstruktion eines neuen Reisebus-Konzeptes.

Albrecht Auwärter
(geb. 1936)
Bob Lee
(geb.1938)
Originalskizze vom Typ Hamburg von Bob Lee

Ein besonderes Merkmal des Typ Hamburg war seine relativ eckige Form, die zweckmäßig war und sich erheblich von der damals üblichen runden Bauweise mit einem schräg abfallenden Heck unterschied. Seine großen, ins Dach gewölbte Seitenscheiben mit schräg gestellten Holmen gaben dem Fahrgast einen ungestörten Ausblick auf die Landschaft. Der Fahrerplatz war tiefergelegt und im Gegenzug die Sitze auf Podesten angeordnet, die nach hinten leicht anstiegen. Hierdurch ergaben sich größere Kofferräume und der Raum für den Heckmotor wurde überspielt.

Besonderes Augenmerk wurde der Be- und Entlüftung gewidmet. Beides waren immer ein Sorgenkind des Omnibusbaus gewesen. So hatte man sich bis dahin mit Schiebefenster, Ausstelldachfenster und Luftführungssystemen beholfen. Besonders ärgerlich hierbei war das Auftreten von Zugluft. Öffnete der Vordermann das Schiebefenster, beklagte sich der Hintermann, dass es zog. Beim Typ Hamburg ging man diesem Problem aus dem Weg, indem man die aus dem Flugzeugbau bekannte Düsenbelüftung übernahm. Hierfür verliefen an der Decke links und rechts parallel zum Mittelgang zwei Luftkanäle. Über jedem Fahrgastsitz befanden sich Luftaustrittsdüsen, mit der der Fahrgast die gewünschte Luftzufuhr regeln konnte. Der Lufteintritt für die Kanäle befand sich oberhalb der Windschutzscheibe. Das Ganze arbeitete als „Staudruckanlage“. Solange der Bus fuhr, wurde genügend Luft durch den Fahrtwind in die Kanäle gedrückt. Fiel die Geschwindigkeit unter 40 km/h, so übernahmen Gebläse die Aufgabe die erforderliche Luft zu fördern. Ein Nachteil war: Wenn es stark regnete, wurde auch Wasser in die Lüftkanäle gefördert. Trotzdem hielt sich dieses Prinzip, bis es 1973 durch die Setra Querstrombelüftung abgelöst wurde.


Schnitt durch den Typ Hamburg. Deutlich zu sehen, die Luftkanäle mit den Düsen über den Fahrgastsitzen.

Als die beiden Ingenieure ihr Konzept fertig hatten, galt es nun, Gottlob Auwärter von diesem neuen Omnibus zu überzeugen. Leicht war es nicht und erst die „Drohung“ einen bereits verkauften Bus bei seinem Bruder Ernst Auwärter bauen zu lassen, bewog Gottlob Auwärter dazu, seine Zustimmung zu geben.


Prototyp des Neoplan Hamburg

Auf dem 31. Internationalen Automobil-Salon in Genf wurde dann der Bus als „Typ Hamburg“ im März 1961 der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Typenbezeichnung „Hamburg“ war eine Reminiszenz von Albrecht Auwärter und Bob Lee an ihre Studienzeit in Hamburg. Natürlich sorgte der Bus bei seiner Vorstellung gleich für Aufsehen. Ein Bus mit Düsenbelüftung für jeden Fahrgast, einer Gepäckablage, die einem nicht die Sicht nahm und gebogenen Seitenscheiben für freie Aussicht, so etwas gab es bis dahin nicht.

Dazu gab es eine breit angelegte Farbkarte für die Innenausstattung. Passend dazu Textilbezüge für die Sitze. Hiermit konnte sich jeder Kunden seinen Bus individuell gestalten. So etwas gab es bei keinem Wettbewerbsmodell. Nun war endlich Schluss mit den tristen Einheitsfarben und Grautönen.

Im Mai 1961 folgte als nächster Typ der 12 m lange NH 14. Und bis zur IAA im September hatte man eine ganze Baureihe mit verschiedenen Größen auf die Beine gestellt.

Auch auf der IAA war das Interesse groß und die Presse titelte unter anderem: „...Der Fortschritt hat stattgefunden (Omnibus-Revue). ... dass hier ein ganz neuer Omnibus-Grundtyp entwickelt worden ist (lastauto-omnibus).


Neoplan NH 14 Typ Hamburg

Die nächste Präsentation erfolgte 1963 auf der Omnibuswoche in Nizza. Dort konnte der Typ Hamburg den „Grand Prix d´Excellence“ erringen, was sich in den folgenden Jahren wiederholen sollte. Firmenchef Gottlob Auwärter erhielt obendrein ein Ehrendiplom wegen der Verbesserung der Sichtverhältnisse sowie der Form der Belüftung. Der Name Auwärter und „Neoplan“ war nun bekannt und geriet nun international in den Blickpunkt des Interesses.

Durch die nun unterschiedlichen Modelle änderte sich in den ersten Jahren die Typenbezeichnungen mehrfach. So wurde der NH 6/7 in NH 8 umbenannt. 1962 führte man wieder variable Bezeichnungen mit den unterschiedlichen Sitzreihenzahlen ein, sodass die drei Varianten nunmehr NH 6/8, NH 10/12 und NH 13/14 hießen. Da man die Baureihe noch erweitern wollte, entschloss man sich im Herbst 1962 die Typenbezeichnung erneut zu ändern. Man gab jetzt nur noch die maximal mögliche Anzahl der Sitzreihen an, also NH 8, NH 12 und NH 14. Dazu kam der im Juni vorgestellte NH 9.


Neoplan NH 9 von 1963

Inzwischen arbeitete man weiter an Verbesserungen. So wurde die Lüftung weiter optimiert. Zu diesem Zweck war das erhöhte Dachmittelteil über die letzte Seitenscheibe nach außen gezogen worden und die so entstandene Kante diente als Lufteintritt. Die nun entgegen der Fahrtrichtung strömende Luft trat vorne wieder aus. Dieses System sollte der zugfreien Belüftung dienen. Diese Lösung konnte sich aber nicht durchsetzen und wurde wieder aufgegeben. Dagegen erhielt nun jeder Fahrgastplatz eine separate Frischluftdüse, ein Komfort, wie er sonst nur im Flugzeug üblich war.

Daneben wurde die Frontpartie unten um 6° nach vorne geneigt, sodass der Bus eine leichte Pfeilform erhielt. Der so überarbeitete Bus erhielt die Typenbezeichnung NH 16, wobei hier der Fahrerplatz mitgezählt wurde.

Ab 1967 wurden die typischen Doppelscheinwerfer durch ovale Scheinwerfer ersetzt, die durch eine leicht eckige Zierblende eingerahmt wurden. Auch die anderen Typen wurden modifiziert wobei die Typen NH 8, NH 9 und NH 12 ihre Bezeichnung beibehielten. Der Typ NH 14 entfiel.


Neoplan NH 16 – Typ Hamburg. Auch Klimaanlagen waren erhältlich, führten aber zu kastenförmigen Dachaufbauten.

Da der Bus, auch für damalige Zeiten, nicht gerade „billig“ war, stellte man auf der IAA 1967 eine „abgespeckte“ Variante vor. Ein 11,2 m langer Bus mit der Typenbezeichnung NH 13 und dem Zusatz Economic. Es war eine kostengünstige Variante, die sich äußerlich durch einen mattschwarzen Kühlergrill unterschied (man hatte auf die Verwendung von Nirosta verzichtet) und konstruktiv durch eine Starrachse vorne. Der Bus stieß bei seiner Vorstellung auf reges Interesse, da er enorm günstig war. Da aber viele Käufer auf Einzelradaufhängung, Düsenbelüftung und Katacalorverglasung nicht verzichten wollten und sich dieses gegen Aufpreis einbauen ließen, entstand als Konsequenz daraus ein 11,2 m langes Modell das als vollwertiger Typ Hamburg bezeichnet werden konnte. Er erhielt die Typenbezeichnung NH 14, die ja seit 1964 frei war.

Inzwischen hatte der Bus auch eine sehr gute Akzeptanz auf dem Markt erfahren. Hatte man 1962 noch den 500sten Neoplan gefeiert, so konnte man im Juli 1967 bereits den 1.000sten Bus ausliefern. Das erforderte einen erheblichen Ausbau der Produktionsstätte, die 1969 vollzogen war. Im gleichen Jahr stellte man auch den kleinsten Bus aus der Baureihe Hamburg vor, den ND 6.


Neoplan ND 6

Der Bus hatte eine Länge von 6,75 m und eine Breite von 2,30 m, die aber bald auf 2,40 m vergrößert wurde. Angetrieben wurde er von einem Mercedes-Benz OM 352. In der Ausstattung und in der Technik entsprach er voll und ganz seinen großen Brüdern.

Mit diesem Modell war die Baureihe Hamburg nun komplett. Sie bestand zum Schluss aus den Typen ND 6, NH 8, NH 10, NH 12, NH 14 und NH 16. Für den Export wurde noch ein Modell vorgestellt, der NH 18. Er war 13,5 m lang und wurde nach Schweden geliefert. Auch dieser Bus stammte komplett aus dem Baukasten, hatte gegenüber dem NH 16 jedoch sieben statt sechs Seitenscheiben.

Inzwischen war das Konzept des Typ Hamburg auch schon Allgemeingut geworden. Auch andere Bushersteller gingen dazu über, die großzügige Verglasung und die für Busse neuartige Belüftung bei ihren Bussen zu verwenden. Bei Auwärter wurden die Busse der Hamburg-Baureihe bis 1973 unverändert weitergebaut. Im gleichen Jahr konnte man noch den 2.000sten Bus feiern, jedoch zeichnete sich schon das Ende ab. Er wurde von der neuen Modellreihe abgelöst, dem Jetliner. Anfang 1974 wurden die letzten Modelle ausgeliefert.


Ein „Dachlasttest“ der besonderen Art. Motto: So viele Leute auf das Dach, wie Fahrgäste Platz haben.


Technische Daten - Neoplan NH 16 - Typ Hamburg (Typenblatt)

Fotos:
Gottlob Auwärter GmbH
Omnibusarchiv


admin


gedruckt am 13.07.2020 - 16:06
http://www.omnibusarchiv.de/include.php?path=content&contentid=377